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Datum: 28.09.2023

P 472/2023 Az.: 047.43 / Städtetag spricht sich für Umdenken in Raumordnung und Baukultur aus (29.09.2023)


 
PRESSEINFORMATION Geschäftsführendes  
Vorstandsmitglied

Bearbeiterin
Christiane Conzen
 
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F 0711 22921-42
 
Az 047.43 - P 472/2023 · Co
 

28.09.2023

 

Städtetag spricht sich für Umdenken

in Raumordnung und Baukultur aus
 
Stuttgart.  Abriss oder Umbau? Noch immer fällt die Wahl zu oft auf die erste Möglichkeit. Dabei muss das Bauen künftig vermehrt ohne Neubau auskommen, wenn es nachhaltig sein will. Der Städtetag stellt dazu Ideen und Vorschläge vor, wie Baustoffkreisläufe in die räumliche Planung integriert werden können.
 
Der intensive Abriss von Gebäuden trägt erheblich zur CO 2 -Produktion und Erwärmung der Erde bei. Die Bauindustrie ist für knapp 40 Prozent der weltweiten CO2 -Emissionen verantwortlich. Ressourcen werden bei der Gewinnung von Primärrohstoffen verschwendet, und mehr als die Hälfte des Abfallaufkommens in Deutschland entsteht durch Bau- und Abbrucharbeiten.
 
Die Zukunft erfordert deshalb umso mehr einen sorgsamen und nachhaltigen Umgang mit dem Bestand, um Energie- und CO2 -Bilanzen niedrig bis neutral zu halten und graue Energie zugunsten einer klimaneutralen Stadtentwicklung besser zu nutzen. Die Devise müsse lauten: "Umbauen statt neu bauen", so der Städtetag.
 
Ein zentrales Anliegen des Städtetags ist dabei die dringend notwendige Änderung im Umgang von Kommunen und privaten Akteuren mit Gebäuden und Bauwerken. „Bisher lag der Schwerpunkt zu stark auf dem Abriss, während der Erhalt, Umbau und die Weiterverwendung von Gebäuden wenig Beachtung fanden. Das hat aber erhebliche Auswirkungen auf das Klima und unsere Ressourcen. Wir brauchen jetzt ein neues Grundbekenntnis: Umbau vor Abriss“, so Ralf Broß, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Städtetags Baden-Württemberg.
 
Er fordert deshalb ein verstärktes Umdenken: Vor jedem Abriss müssten alle Umbauoptionen geprüft und die Rezyklierbarkeit und Rückbaufähigkeit mit Blick auf Kreislaufwirtschaft und Ressourcenschutz berücksichtigt werden: „Das ist ein entscheidender Schritt, um die Ziele des Klimaschutzes und der Baukultur enger miteinander zu verknüpfen und eine nachhaltige Stadt- und Projektentwicklung zu fördern.“ Müsse doch abgerissen werden, sei das Abbruchmaterial als Recyclingmaterial wieder zu nutzen.
 

Bauwende ist Teil eines allgemeinen Umdenkens
Die bauliche Kreislaufwirtschaft und die Orientierung zum Bauerhalt sind Themen, die bereits in anderen baulichen Fachdisziplinen intensiv vorangetrieben werden. Die sogenannte Bauwende, die den Prozess hin zu einer neuen Baukultur beschreiben soll, ist Teil eines allgemeinen Umdenkens im Planen und Bauen und trägt dem Wunsch der Gesellschaft Rechnung, Klimaziele zu erreichen und den Materialverbrauch zu reduzieren.
 
Da alle Maßnahmen zum Klimaschutz oder zum Materialerhalt und der Wiederverwendung von Bauteilen im kommunalem Raum stattfinden, muss sich auch die Stadtentwicklung mit der Umbaukultur und mit lokalen Baustoffkreisläufen als Thema der räumlichen Planung befassen. Das Positionspapier will eine Diskussion anstoßen und inhaltliche Impulse setzen, damit die neuen und nachhaltigen Baupraktiken einen Platz unmittelbar in der Stadt finden.
 
Städte und Gemeinden stehen vor großen Herausforderungen: Das Ziel der Klima- und Materialneutralität wird die Art und Weise verändern, wie wir Städte, Häuser oder Infrastrukturen planen und bauen. Der Schutz des baulichen Bestands und der Einsatz von Sekundärrohstoffen sollten Vorrang haben. Natürliche Rohstoffe sollten deutlich weniger zum Einsatz kommen. Bei der Umsetzung dieser neuen Vorgehensweise kommen der räumlichen Planung – insbesondere des Landesentwicklungsplans – und dem Kreislaufwirtschaftsgesetz eine grundlegende Rolle zu.
 
Die Arbeitsgruppe Kreislaufstadt im Städtetag hat Ideen und Vorschläge entwickelt, wie Baustoffkreisläufe in der räumlichen Planung umgesetzt werden können und diese nun in einem Positionspapier veröffentlicht. Darin wird auch beispielhaft aufgezeigt, welche Fragen bei der Ausarbeitung eines modernen Landesentwicklungsplans diskutiert werden müssen. Diese Vorschläge richten sich sowohl an das Land als auch an die kommunale Ebene. Abbruchmaterial müsse ortsnah gelagert werden können, anstatt es mit weiterem Energieverbrauch durch die Republik zu fahren. Dazu brauche es aber Lagerflächen.
 
„Die Gegebenheiten vor Ort sind vielfältig, das wissen wir natürlich. Wir betrachten aber nicht die Fläche isoliert, sondern sehen auch andere Gesichtspunkte, wie eben die nachhaltigere Gestaltung des Ressourcenverbrauchs. Unsere vorgeschlagenen Maßnahmen sollen deshalb zur Diskussion und zum Weiterdenken anregen und erheben nicht den Anspruch, universell anwendbare Lösungen zu sein“, sagte Broß.
 
Neuauflage des Landesentwicklungsplans
Der Städtetag unterstützt ausdrücklich die im Koalitionsvertrag vorgesehene Neuauflage des Landesentwicklungsplans aus dem Jahr 2002. Broß: „In den vergangenen beiden Jahrzehnten haben sich zahlreiche Lebensbereiche dramatisch verändert, und es ist unerlässlich, diese Veränderungen im neuen Landesentwicklungsplan zu berücksichtigen und die notwendigen Leitlinien für die aktuellen und zukünftigen Herausforderungen beim Bauen auch in der Raumordnung festzulegen.“
 
Die Umsetzung dieses Vorhabens wird nicht ohne Herausforderungen möglich sein, denn es gibt viele Spannungsfelder zu bewältigen. Beispielsweise muss ein angemessenes Gleichgewicht zwischen der Reduzierung des Flächenverbrauchs und dem steigenden Bedarf an Wohnraum gefunden werden. Ralf Broß betonte: „Der Städtetag hat von Anfang an sein Interesse bekundet, sich intensiv an diesem Prozess zu beteiligen. Dabei gehen wir davon aus, dass die Kommunen nicht nur die Empfänger des Landesentwicklungsplans sind, sondern als Ausdruck des Gegenstromprinzips auch maßgeblich an seiner Ausgestaltung beteiligt sein werden.“
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Graue Energie
Graue Energie ist die Energie, mit deren Hilfe Materialien gewonnen werden, und die Energie, die zum Herstellen und Verarbeiten von Bauteilen, zum Transport von Menschen, Maschinen, Bauteilen und Materialien zur Baustelle, zum Einbau von Bauteilen im Gebäude sowie zur Entsorgung benötigt wird.
 
Rezyklierbarkeit 
Die Rezyklierbarkeit beschreibt die individuelle Eignung eines Produktes, am Ende wieder als Rezyklat eingesetzt zu werden und so den Stoffkreislauf schließen zu können. Die Rezyklierbarkeit eines Produktes definiert, ob und wie es wiederverwertet werden kann.
 
Landesentwicklungsplan
Der Landesentwicklungsplan ist eine Verordnung der Landesregierung, der als eine Art Kursbuch für die räumliche Entwicklung Baden-Württembergs beschlossen wurde. Wichtige Zielsetzungen sind der Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen, die Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit des Landes als Wirtschafts- und Wohnstandort, der Erhalt der Primärfunktionen von Land- und Forstwirtschaft sowie die Offenhaltung angemessener Gestaltungsmöglichkeiten für kommende Generationen.

 

 

 

 

 


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